Hartmut Müller - Braunshäuser Straße 8 - Rengershausen - 35066 Frankenberg
Uwe G. W. Hesse - Hombergstraße 12 - Rengershausen - 35066 Frankenberg
Unsere Web- Seite: www.roteshoehenvieh.de

Rotes Höhenvieh
Privater Züchterrundbrief zum Neuen Jahr 2011


Liebe Züchterfreunde,
wie schon vor zwei Jahren möchten wir uns auch zu diesem Jahresende bei Ihnen melden, verbunden mit dem Wunsch, dass Ihnen und uns ein erfolgreiches und gutes Züchterjahr 2011 bevorsteht, und mit der Hoffnung, dass die Zucht des Roten Höhenviehs sich in guter Weise weiter entwickelt. Gleichzeitig berichten wir in unserem Rundbrief von züchterischen Entwicklungen in unseren Betrieben und über Inhalte aus dem Zuchtgeschehen, die uns zu denken geben.
In den Sommermonaten waren wir häufiger als in den Vorjahren damit beschäftigt, Führungen zu gestalten; unser Rotes Höhenvieh und die anderen Haustierrassen, die wir züchten, der interessierten Öffentlichkeit zu zeigen. Dem Internationalen Jahr der Biodiversität (2010) war es zu verdanken, dass der Focus gleichzeitig auch auf den bedrohten Haustierrassen lag und großes Interesse daran bestand, Tux- Zillertaler Vieh, die sehr seltenen Englischen Parkrinder, unsere Zuchtgruppe Dülmener Pferde, Kärntner Brillenschafe und die kleinen Ouessant- Schafe vor Ort in Rengershausen anzusehen. Mal war es eine Seniorentanzgruppe, mal der NABU- Kreisverband aus Naumburg, mal der SPD- Landtagsabgeordnete Reinhard Kahl mit einem Gefolge von 60 Parteigenossen und Interessierten, mal unser Landrat Dr. Reinhard Kubat mit einem Expertenteam, mal Landesbischof Prof. Dr. Martin Hein, die allesamt nach Rengershausen gereist kamen, um unsere Betriebe zu besichtigen. Gleichzeitig hat sich die Zucht weiter entwickelt; derzeit halten wir 41 Tiere der Rasse Rotes Höhenvieh, 4 Tiere der Rasse Tux- Zillertaler (in Reinzucht) und 12 Englische Parkrinder. Vom Roten Höhenvieh konnten wir wieder einige Tiere in die Zucht verkaufen; allein in diesem landwirtschaftlichen Jahr, das am 01. Juli 2010 begonnen hat, waren es zwei weibliche Tiere und drei Bullen, die jetzt in anderen Betrieben der Entwicklung der Rasse dienen, in Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Wer unsere Zuchtausrichtung kennt, weiß, dass in unseren Betrieben die genetischen Anteile des Roten Höhenviehs und der ausgeprägte Höhenvieh- Typ im Vordergrund unserer Zuchtentscheidungen stehen und dass wir bemüht sind, höhere Gewichtszunahmen durch Selektion zu erzielen, nicht durch Einkreuzung von Fremdgenetik. Dabei geben wir eher kleinrahmigen Tieren, die aber umso mehr Anteile der originalen Zuchtlinien des Roten Höhenviehs enthalten, den Vorzug. In dieser Hinsicht orientieren wir uns an den Grundsätzen der Erhaltungszucht. Das äußere Erscheinungsbild unserer Nachzucht scheint uns recht zu geben. Die Tiere sind nicht nur - wie am Ende des 2010 veröffentlichten Films "Kühe mit Charakter" eher plakativ gesagt wird - an der roten Farbe, dem hellen Flotzmaul und der hellen Schwanzquaste zu erkennen, sondern an ihrem gesamten Typ: Dem Knochenbau, der ausgewogenen-, gleichmäßigen Muskulatur, dem breiten und kurzen Kopf, so, wie er in der alten Literatur für das Rote Höhenvieh beschrieben wird, der tiefen Wamme, den harten, schwarzen Klauen, den auffallend ausladenden Hörnern, wie man sie schon von historischen Fotografien des Roten Höhenviehs aus unserem Frankenberger Land her kennt. Übrigens: Rote Kühe mit hellem Flotzmaul und heller Schwanzquaste, das könnten ja auch ganz andere Rassen sein: Wir kennen Zebus, die so aussehen. Oder die ostafrikanischen Watussi-Rinder. Oder auch die südafrikanischen Nguni-Rinder. Oder Salers. Oder Kreuzungstiere. Ja, auch das Schwedenvieh früherer Jahrzehnte, das man in den Kinderfilmen nach literarischen Vorlagen von Astrid Lindgren sehen kann (Michel aus Lönneberga; Pippi Langstrumpf) sieht so aus: Diese Tiere stehen zwar im Niederungsvieh-Typ, sind aber rot und haben ein helles Maul. Und wer sich mit der Angler Rasse auskennt, weiß, dass das schwarze Maul bei dieser Niederungsrasse nicht durchgehend verbreitet war: Der Angler Besamungsbulle Sero R 33 zum Beispiel, der auch im Roten Höhenvieh unserer Tage genetisch drinsteckt, hatte ein auffallend dunkelrotes Fell und ein sehr helles Flotzmaul, so, wie man es sich beim Roten Höhenvieh wünscht. Unser Fazit hinsichtlich des Filmbeitrags: Eine rote Kuh mit hellem Flotzmaul und heller Schwanzquaste, die man auf der Weide sieht, muss längst noch kein Rotes Höhenvieh sein. Sie kann auch ganz verschiedenartigen anderen Rassen angehören.

Was die Zuchtproblematik des Roten Höhenviehs betrifft, wie sie unser Vorstandsmitglied Markus Koch im Leserbrief in der aktuellen Arche Nova darstellt, stimmen wir mit seiner Mahnung zur Vorsicht überein: Markus Koch weist darauf hin, dass die alte Genetik des Roten Höhenviehs, die in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit großem Aufwand gerettet worden ist, in den vergangenen Jahren verwässert wurde. In seinem Leserbrief spricht er Rinderrassen an, die kürzlich mit dem Roten Höhenvieh verkreuzt wurden. Auch in unserem Rundbrief sei Bezug darauf genommen, weil auch wir die Hineinnahme fremder Genetik als problematisch empfinden und Tiere dieser Herkunft - obwohl im Herdbuch geführt - für unsere Zucht ablehnen:

1.) Lacy
Ein Bulle, der aus Polen stammt und verstärkt in das Rote Höhenvieh eingekreuzt wurde. Der Bulle repräsentiert eine eigene Rasse, nämlich das "Polnische Rotvieh" aus Südpolen, im Farbatlas Nutztierrassen von Prof. H. Sambraus auf S. 88 beschrieben. Die Abstammung des Bullen zeigt, dass er keine Vorfahren beim Roten Höhenvieh hat. Wäre dieser Bulle hierzulande geboren worden, hätten seine Nachkommen, ähnlich wie im Falle der Brylant- Bullen aus Tschechien, keinen Rassestatus, sondern wären als reine Kreuzungstiere nicht einmal vorbuchfähig.

2.) Brylant
Hierbei handelt es sich nicht um einen Bullen, sondern um mehrere Tiere. Ein Vorfahr aus den 1960er Jahren wird Brylant 1 genannt. Davon stammt Brylant 001. Dessen Sohn, Brylant 002 ist der Vater von Brylant 005 & Brylant 006. In einer Darstellung, die mir im tschechischen Original und in deutscher Übersetzung vorliegt, wird darauf hingewiesen, dass die Brylant Bullen (5 & 6) überwiegend Fleckvieh- und Ayrshire- Genetik repräsentieren. Wahrscheinlich ist auch Angler Genetik darin enthalten, sowie Polenvieh. Vielleicht auch Böhmisches Rotvieh zu geringen Anteilen und - wenn es stimmen sollte - Uwe- Genetik (12,5%). Da die Bullen von gescheckten Tieren abstammen, wurde mir folgerichtig von Kälbern aus dieser Abstammung berichtet, die rot-weiß gescheckt sind oder ein schwarzes Flotzmaul haben, wie etwa der Brylant- Sohn Briegel, ein Besamungsbulle! Einige Kenner berichten von der auffallenden Aggessivität von Brylant Nachkommen.

Mathias Vogt, früherer Vorsitzender der Gesellschaft zur Erhaltung alter und bedrohter Haustierrassen (GEH) stellte in einem Vortrag über landwirtschaftliche Biodiversität am 19. November 2009 in Hofgeismar die Einkreuzung von Brylant- Genetik in die Bestände des Roten Höhenviehs als ein Paradebeispiel dafür dar, wie Erhaltungszucht bei bedrohten Haustierrassen nicht funktionieren kann und dem Rasseerhalt sogar schadet. Tiere der Brylant-Linie sollen zwar mit dem heutigen Roten Höhenvieh verwandt sein. Das erklärt sich aber daraus, dass die Besamungsbullen der Angler Rasse sowohl in das Rote Höhenvieh-, als auch gleichzeitig in das Polenvieh eingekreuzt wurden.

3.) Tux-Zillertaler Vieh
Diese Rasse stammt aus dem Zillertal und dem angrenzenden Tuxer Tal. Tux- Zillertaler Vieh wurde in der länger zurück liegenden Vergangenheit in den Harzer Schlag des Roten Höhenviehs eingekreuzt, ebenso in das Vogtländer Rind. Nach unseren Beobachtungen im Zillertal gehen wir davon aus, dass das Tux- Zillertaler Vieh dem Roten Höhenvieh nahe steht. Nachdem wir vorsichtig Genanteile dieser Rasse in unser Rotes Höhenvieh eingekreuzt hatten, nehmen wir heute Abstand davon. Durch die die Hineinnahme von Tux- Zillertaler Genetik mag es zwar gelingen, schnell schwerere Tiere zu produzieren. Diese Tiere unterscheiden sich aber vom Roten Höhenvieh. Das fiel auch meinem Neffen auf, der nur wenig von Tierzucht versteht. Als er eine Gruppe Vieh auf der Weide sah, fragte er gezielt nach einer Kuh, die (noch) 25% Tux- Zillertaler Genetik enthält und meinte, dass dieses Tier doch einer anderen Rasse zugehören müsse, als die übrigen Tiere des Bestandes. Das gleiche haben wir ebenfalls festgestellt: die Tux- Zillertaler Genetik lässt sich selbst nach zwei Generationen noch in den Tieren erkennen; wir nehmen diese Genetik deshalb nicht in unsere Zucht hinein.

Wie in den vergangenen Jahren sind wir bemüht, den Kontakt zu unseren Züchterfreunden aufrecht zu erhalten und hoffen, möglichst vielen von Ihnen zu begegnen und ins Gespräch zu kommen über die Erhaltung des Roten Höhenviehs. Wir grüßen Sie mit einem beigelegten Foto unseres Betriebsbullen Erlkönig, einem Uwe- Enkel aus der Verpaarung der Uwe- Tochter Alma mit dem Bullen I-Jay.

Mit freundlichem Gruß